Irgendwas ist immer
Das Faust Ensemble gastiert im Wohnzimmer und begehrt größtmögliche Aufmerksamkeit. Obwohl erst 2 Wochen alt, deklamieren Gretchen, Faust, Mephisto und Valentin spätestens alle 2 Stunden: „Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich nun endliche Taten sehen“. Da hilft dann auch kein „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“. Da muss sofort ein Fläschchen her, denn zu geringe Beachtung, oder unpünktliche Lieferungen werden mit lautstarkem Geschrei quittiert. Namensgeber der Faust-Truppe war das Sorgenkind Mephisto. Nicht genug, dass ein Auto die Katzenkinder mit einer Woche zu Vollwaisen machte, nein, irgendetwas verletzte Mephistos Pfote so sehr, dass er mit einem Klumpfuss zu uns kam. Natürlich war ihm damit die Aufmerksamkeit, die er so begehrte, sicher. Die Goethe-Truppe bedeuted: alle 2 Stunden Ziegenmilch abmessen, in die Mikrowelle, 12 Sekunden bei 600 Watt, alle 4 füttern, den Bauch massieren, Decken wechseln, Katzenklo auswechseln, streicheln, spielen usw. usw.
Bruno hängt in seiner Box im Bad ab. „Name ist Schall und Rauch“ sinniert er mit gerunzelter Stirn, kopfunter am Küchenkrepp hängend. Bruno ist ein 3 Wochen alter Vertreter der Gattung „Pipistrellus pipistrellus“ und als solcher ist die Zwergfledermaus winzig. Nur ein wenig mehr als eine Daumenkuppe. Bruno besteht allerdings auf einen Speiseplan, der nicht jedermanns Sache ist. Bruno bedeutet: alle paar Stunden einen Mehlwurm nehmen, Mehlwurm köpfen (dabei nicht genau darüber nachdenken), Mehlwurm aufschneiden, Mehlwurm aushöhlen (Brechreiz dabei unterdrücken), den so gewonnenen mikroskopischen Krümel Mehlwurminhalt auf die Fingerspitze streichen und von Bruno ablecken lassen.
Herr Eichhorn lebt in der Küche, da, s. o. Bad und Wohnzimmer bei seinem Einzug bereits belegt waren. „Alles nach seiner Art!“, denkt er und kuschelt sich in sein Handtuch. Herr Eichhorn ist eindeutig männlich. Auch mit 7 Tagen deutlich erkennbar. Dass aus Herrn Eichhorn mal ein Eichhörnchen werden soll ist nicht so klar. Es könnte auch ein Känguru sein, oder E. T. ist nun doch noch gelandet. Nur sein Charakter, eine Mischung aus Choleriker und Sanguiniker, lässt jetzt schon erkennen, dass es einmal ein eher hektisches Tier werden will. Der Vorteil von Herrn Eichhorn besteht in der Akzeptanz der Ziegenmilch. Allerdings besteht auch er auf zweistündige Intervalle.
Wir wohnen das ganze Jahr im Tierheim und „Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust“. Die eine freut sich jeden Sommer über eine geglückte Aufzucht, die andere zürnt ob der, die es nicht geschafft haben. Wie der Siebenschläfer, bei dem zulange versucht wurde ihn mit Dosenmilch aufzuziehen. Erst völlig entkräftet kam er hier an. Oder der Feldhase, der Bekanntschaft mit Kuhmilch machte und erst abgegeben wurde, als er bereits lebensgefährlich ausgetrocknet war. Oder die Krähe, die durch falsche Ernährung Mangelerscheinungen hatte und weder fliegen noch laufen konnte. Die Aufzucht von Tieren ist eine Sache, die nicht in ungeübte Hände gehört. Im Idealfall liegt die Erfolgschance bei nur 50 %. In ungeübten Händen geht sie nahezu auf Null. Aber, um Goethe auch am Schluss noch mal zu Wort kommen zu lassen: „Dummes Zeug kann man viel reden, kann es auch schreiben. Wird weder Leib noch Seele töten. Es wird alles beim Alten bleiben.“ Aus seiner Feder stammt auch der Kluge Satz: „Und wenn Natur dich unterweist, dann geht die Seelenkraft dir auf.“
P.S.: Mephisto zog ins Ruhrgebiet, schickt immer wieder mal ein Bild und seine Pfote ist für ihn längst vergessen. Gretchen, Valentin und Faust fanden nette Menschen und haben diese gut im Griff. Herr Eichhorn besuchte uns noch ein Jahr im Garten und war dabei hektisch wie eh und je. Bruno hängt irgendwo ab und lebt sein Leben als Fledermaus.








